Mediale Ausschlachtung der Loveparade-Tragödie

~ Ein Kommentar ~

Auf allen Sendern ist die Tragöde, die sich auf der diesjährigen Loveparade ereignet hat, das Thema in den Nachrichten. Auf N24, n-tv und Phönix ist es entsprechend häufiger behandelt. Die übliche Frage des „Wie konnte das passieren?“ und die Bild-typische Frage „Wer ist Schuld“ werden in Talkshows und Medienangeboten aller Art bis zum Erbrechen breit getreten. Warum aber, so lautet meine Frage, diskutiert keiner die gesellschaftlichen Implikationen?

Die Loveparade-Tragödie ist nun schon seit Tagen das Thema umfangreicher Berichterstattungen. Ich selbst habe noch am selben Tag von einem Facebook-Eintrag des ZDF erfahren, was dort geschehen ist. Immer mehr neue Amateurbilder, O-Töne von Experten und Politikern sowie nicht enden wollende „Aufklärungen“ über die Hintergründe füllen die Zeitungen, Fernseh-Nachrichten und schließlich auch das Internet. Eva Herman, die ehemalige Nachrichtensprecherin, die wegen ihrer extrem konservativen Ansichten ins Gespräch kam, resümiert in einem Blog, Zustände wie in Sodom und Gomorrha auf der Loveparade hätten nun endlich ein wenn auch tragisches Ende genommen. StudiVZ lädt auf der Startseite zum Trauern für die zwanzig Opfer ein; nebst abgebildeten Blumenstrauß.

Emotionale Bilder, leicht verfolgbare Schuldzuweisungen, das scheint sich medial „verkaufen“ zu lassen. Doch ist es nicht genauso verwerflich, aus Profitgier nur die immer gleichen Meldungen zu bringen, wie es verwerflich ist, aus Profitgier ein vollkommen unzureichendes Sicherheitskonzept anzuwenden? Und hier entlarvt sich das unzureichende „Konzept“ unserer Medien. Menschen müssen über das „Wie wollen wir gemeinsam leben?“ reden und diskutieren. Sobald man nicht in einem Rousseauischen Staat oder in einer antiken Polis lebt, ist eine Gesellschaft auf die Arbeit der Medien angewiesen. Sie stellen eine Öffentlichkeit her, die „Medium“ – im wahrste Sinne des Wortes – für ein abstraktes Sozialgefüge wie einen modernen Staat sind.

In diesem konkreten Fall hießen die Fragen „Wer soll in solchen Fällen für die Sicherheit verantwortlich sein?“ bzw. „Wie wollen wir so etwas in Zukunft vermeiden?“. Viel wichtiger aber wäre die Frage „Wollen wir wirklich Veranstaltungen, die Kulturgut ausmachen – und als solches begann die Loveparade und damit wurde sie international bekannt – den Händen auf Profit  ausgerichteter Unternehmen überlassen?“. Doch darüber sprechen die Medien nicht, sind sie doch selbst auf Profit ausgerichtete Unternehmen und handeln nur all zu oft nach den Maximen der Gewinnmaximierung.

Daher erlaube ich mich an dieser Stelle zu fragen: Wollen wir eines der wichtigsten Bindeglieder der Gesellschaft, die Medien, dem Profitstreben überlassen oder wollen wir lieber darüber nachdenken, wie man die Finanzierung von Kultur wieder etwas Inhaltsfreundlicher macht?

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2 Gedanken zu “Mediale Ausschlachtung der Loveparade-Tragödie

  1. Ach ja… Aber ich dieser Blogbeitrag stimmt ein in einen zurzeit sehr beliebten Chorus – die Verteufelung von „Profitstreben“ und „Gewinnmaximierung“. Doch letztere sind nicht in sich schlecht, und – übertragen auf den aktuellen Fall – auch überhaupt nicht in Einklang zu bringen mit einem bewusst mangelhaften Sicherheitskonzept. Denn im Gegenteil: Wie hätte der Veranstalter denn seinen (langfristigen) Gewinn noch mehr minimieren können als durch solch ein hohes Risiko, was in letzter Konsequenz (wenn man nur die monetären Folgen für ihn betrachtet) dazu führen wird dass er nie wieder auch nur einen Euro mit der Loveparade verdient??

    Oder anders ausgedrückt: Das Interesse an langfristiger Gewinnmaximierung setzt doch eigentlich einen Anreiz, den Leuten langfristig eine tolle, international bekannte und beliebte, sichere, immer wieder stattfindende Veranstaltung anzubieten.

    • …was in etwa analog zu Hobbes‘ Lobrede zum Absolutismus gesehen werden könnte. Der Alleinherrscher hat ein Interesse daran, dass es seinen Untertanen gut geht, weil nur so kann er seine eigenen Gewinne maximieren. Ein guter Gedanke, nur leider funktioniert es so nicht. Darüber hinaus bin ich der Meinung – und genau als solches möchte ich es hier verstanden wissen: eine Meinung – dass eine gute Handlung nicht nur durch ihre Konsequenzen gut wird. Es gibt Bereiche, da sollte der Egoismus – und nichts anderes ist Profitstreben – nicht der eigentliche Motivationsgrund sein. Kultur ist meines Erachtens nach ein solcher Bereich.

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