Briefe schreiben – von profaner Kommunikation zur Kunstform

Ein Brief ist unpraktisch. Er ist langsam. Er ist teuer und man kann auch nicht einfach mit Backspace falsch Geschriebenes wieder entfernen. Man kann nicht copy&pasten, man kann keinen Spellchecker drüber jagen und man muss allen Ernstes das Haus verlassen, wenn man einen Brief abschicken will. Was für arme Schweine waren die Menschen doch früher, als es noch keine Email und SMS gab, oder?

Immerhin macht es doch keinen Unterschied, ob man nun ein und den selben Text elektronisch verschickt oder mit Tinte auf Papier. Der Inhalt ist freilich der selbe, er kommt nur später an. Aber spätestens hier wird man zugeben müssen, dass es doch einen Unterschied gibt. Wann immer ein Brief, der nicht gerade eine Rechnung oder eine Werbeanzeige ist (das ist Spam auf Papier), kommt, dann freut man sich. Man nimmt sich Zeit diesen Brief in Ruhe zu lesen. Es ist etwas Besonderes. Besonderer als ein „Sie haben Post“.

Aber warum? Vielleicht gerade weil es viel umständlicher ist, einen Brief zu schicken. Weil 55Cent bezahlt wurden, nur damit man weiß, jemand anderes möchte dir etwas mitteilen. McLuhan war der Meinung, dass das Medium die Botschaft sei. Dem alten Sender- Medium-Empfänger-Modell erteilte er damit eine deutliche Absage. Das Medium selbst ist zumindest ein Teil der Botschaft. Wenn ich einem Menschen vor mir, statt auf seine Frage mündlich zu antworten, die Antwort auf einen Zettel schreibe und ihm hinhalte, wird er zu Recht ziemlich beleidigt sein, auch wenn der Inhalt exakt der gleiche wäre, wie ein akzeptabler gesprochener Satz. Watzlawik war der Meinung, man könne nicht nicht kommunizieren, weil selbst das Schweigen eine Aussage beinhalte. Wenn das also so ist, dann ist ein Brief vollkommen ungeachtet des Inhalts vielleicht selbst schon die Botschaft: „Was auch immer ich dir sage, es ist mir wichtig, die Besonderheit und das Gewicht meiner Botschaft zu unterstreichen.“

Vielleicht ist ein Brief also unpraktisch, teuer und langsam – aber Gott sei Dank ist er das!

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