Warum Selbstkritik in den Medien nicht möglich ist

Da hat der Niggemeier den ganz großen Knüppel ausgepackt. In einem für einen Blog sehr langen Artikel seziert er das aktuelle Selbstkritik-Special der „Zeit“. Das Fazit: Zu weichgespült. In der Tat tun sich Medien mit Selbstkritik ziemlich schwer. Manche Blätter -wir alle wissen, was ich meine- verzichten ganz darauf. Aber warum ist das eigentlich so?

Eine nicht all zu gewagte Antwort auf diese Frage könnte der Verweis auf die Verschränkung der Rollen von Medien als wirtschaftliche Unternehmen auf der einen Seite und als publizistische Organe auf der Anderen sein. Wer heute in klassischen Medien veröffentlicht, sieht sich einem nie dagewesenen Kampf um Aufmerksamkeit gegenüber. Nicht nur, dass die For-Free-Mentalität des Internets und die dazugehörige Schnelllebigkeit den Medienunternehmen in der Vergangenheit gut zugesetzt hätten. Nein, neben den fast vollständig frei verfügbaren Inhalten auf den Webseiten von Bild, Spiegel, Zeit und und und kommt da auch noch eine ganz andere Gruppe und pöbelt auf dem Markt der Informationen herum und macht Leser und Zuschauer abspenstig – die Rezipienten selbst. Foren, Kommentare und nicht zuletzt die Blogs, die aus der komfortablen Situation heraus, als non-profit Akteuere vollkommen frei zu sein, nun all das in den Mund oder den Füller nehmen können, was bei Meidenunternehmen nicht so gut kommt.

Ökonomie vs Publizistik

Das führt zumindest zu einer gewissen Kreativität. Über das „Reisewetter“ auf N24 habe ich bereits berichtet, bei dem das Wetter immer besser sein könnte, aber der Retter Air(belibigen Namen einfügen) einen zum Glück überall hinfliegen kann, wo es warm ist. Preise und Ziele werden freundlicherweise gleich von der Wetterfee mitaufgesagt.

Aber auch die die Printmedien, die immer cleverer Information mit Marketingstrategien verbinden, um so ihre Zahlen schwarz zu halten, sehen sich offensichtlich genötigt, neue Wege zu gehen. Der schöde Verkauf von Anzeigen und Zeitungen scheint nicht mehr auszureichen. Notfalls greift man hier auf Propaganda zurück, um sich von den schleichenden Manipulationsgefahr aus dem Netz, den Bloggern, abheben zu können.

Struktureller Widerspruch von Wahrheit und Verkaufsargument

Und genau das ist der Punkt. Wie soll denn ein Medienunternehmen in einer Zeit ultimativen Konkurrenzdrucks wirklich selbstkritisch sein? Das allerletzte Argument, das „Wir sind die echten Journalisten und der Rest ist Müll“ bröckelt zusehends. Spätestens seit Guttenberg bei seiner Amtseinführung mal eben einen Vornamen mehr hatte, ist Zweifel um die Sorgfalt der klassischen Medien aufgekommen. Über die Wahrheitsliebe der Zeitung mit dem „B“ will ich erst gar nicht nachdenken.

Jorunalisten müssen heute gegen die Konkurrenz der eignen Riege, gegen die Konkurrenz der „freien Medien“ (Blogs etc.) und gegen den Druck von PR-Schreiberlingen ankämpfen. Echte Selbstkritik käme in diesem Umfeld einem marketingtechnischem Selbstmord gleich. Denn Hand aufs Herz, würden wir einem Blatt Vertrauen schenken, das offen schreibt „Ja wir schönen Lifestyleberichte, um Ikea-Werbung besser platzieren zu können“? Würden wir das Märchen von der erhöhten Sorgfalt der klassischen Medien glauben, wenn sie sagen „Jab, erwischt! Wir waren zu Faul, beim Gutti anzurufen und haben stattdessen bei der Wikipedia abgeschrieben“?

Eher nicht! Und deswegen schreibt der Spiegel vom bösen „Fälscher“ der das arme Magazin böswillig getäuscht hat. Entweder, meine Damen und Herren, verdammt man die Wikipedia und alternative Medien als ungenau und gefährlich und verwendet sie nicht oder man stellt sich der gefürchteten Frage, welches Existenzargument die Medien in ihrer derzeiting Form überhaupt noch haben.

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Ein Gedanke zu “Warum Selbstkritik in den Medien nicht möglich ist

  1. Pingback: Selbstkritik – Ein Ding der Unmöglichkeit? | Medienkritik Schweiz

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