Hexenjagd Killerspiele – Was soll das eigentlich?

Ich muss wirklich sagen, dass es mir keinen Spaß macht diesen Artikel zu schreiben. Denn das Folgende enthüllt nur unsere gesellschaftliche Unfähigkeit, rational über ein Thema zu diskutieren, und peinliche wenn nicht skandalöse Fehler im Journalismus. Der Diskussionsgrund ist legitim. Nach Ereignissen wie Erfurt und Winnenden müssen wir nach Gründen fragen. Dazu gehört auch ob Computerspiele hier einen Faktor darstellen.

Die Frage wird nicht gestellt

Doch Hand aufs Herz, diese Frage wurde nicht gestellt. Vielmehr wurde in einer haaresträubenden Schlussfolgerung festgestellt, dass es „die Killerspiele“ waren, die aus einem normalen Jungen einen Amokläufer machten. Dass die Fakten (von der Logik mal ganz zu schweigen) eine ganz andere Sprache sprechen, wurde notfalls weggeleugnet, wegdogmatisiert oder weggelogen. Dies verdeutlicht ein wirklich guter YouTube Beitrag von Matthias Dittmeyer (via Fischblog), mit dem ich jetzt beginnen will:

Ehe wir uns also wirklich mit diesem Thema beschäftigen können, müssen wir mit diesem Mist aufräumen. Ich muss sagen, dass ich für diese lausige Recherche bzw. diesen offenkundigen Willen zur Fehldarstellung keine Rundfunkgebühren bezahlen will!  Und genau das ist der Punkt. Entweder hat man hier auf vernünftige Recherche verzichtet oder man wollte auf den fahrenden Zug aufspringen und quotenwirksam das Feuer der HexenComputerspielverbrennung schüren.

„In Zeitung und Fernsehen haben Journalisten keine Scham sich bei vollständiger Unkenntnis irgendwelche Märchen über das Thema auszudenken. Als Spieler, der solche Meldungen liest, stellt man sich dann meistens die Frage: ”Über was zum Teufel schreiben die da eigentlich!?”.“
(Matthias Dittmeyer – Stigmata Videospiele)

Das und der panische Aktionismus mancher Politiker, die in der Krise eines Amoklaufs versuchen Wählergunst zu erringen, führt zu einem weit in der Gesellschaft verbreiteten Eindruck, dass Computerspiele schuld sind. Also lasst uns das Teufelswerk verbieten!

Die Angst vor dem, was man nicht versteht

Warum ist das so? Stellen wir uns einen Menschen vor, der noch nie in seinem Leben ein Computerspiel aus der Nähe gesehen hat. Dieser Mensch (gleichgültig ob Mann oder Frau) weiß, dass es sie gibt, hat aber keine Ahnung, was es heißt, zu zocken. Stellen wir uns nun vor, dieser Mensch würde nun durch die Medien erfahren, dass es bei Computerspielen darum geht, „sich gegenseitig zu töten“, dass man Bonuspunkte bekommt, wenn man einen Headshot, einen Kopfschuss also, schafft.  Er erfährt, dass man in GTA über die Straße laufen kann und wahllos Passanten töten kann. Er erfährt, dass Menschen lachen und Spaß haben, während sie gemeinsam über das Internet den zweiten Weltkrieg nachstellen.

Was wäre wohl die Reaktion dieses Menschen? Er wäre entsetzt! Und diese Reaktion ist gerechtfertigt, denn die Formulierung dessen, was in Spielen passiert ist schlichtweg falsch. Ohne hier nun eine Real-vs-Virtuell-Debatte lostreten zu wollen, muss festgehalten werden, dass diese Umschreibung nicht den Sachverhalt trifft. Denn Spieler töten nicht, sie spielen! Doch das kann man diesem unerfahrenen Menschen nicht vermitteln, wenn in den Medien der Eindruck, den ich gerade geschildert habe, auch noch bestätigt und sogar durch falsche Tatsachen bestärkt wird.

Gewalt in den Medien und der Untergang der Zivilisation – oft vorhergesagt und nie eingetreten

Doch das ist nichts Neues! Gewalt in den Medien gibt es, seit es Medien gibt. Kaum eine Geschichte ist so blutrünstig wie die Bibel. Die alten Griechen haben in der Ilias und der Odyssee auch nicht gerade Gute-Nacht-Geschichten erzählt und die Gewalt zieht sich durch Märchen, Romane und Filme bis in die heutige Zeit. Die Liste derer, die dies kritisierten und negative Wirkungen vermuteten, ist ebenso lang und nicht selten prominent:  Von der Antike mit Sokrates und Platon bis in unsere Zeit mit der Frankfurter Schule, sie alle kritisierten neue Medien (und die Gewalt darin).

„Es gilt als Faustregel, dass jedes neue Medium zunächst negativ bewertet und von Kulturpessimisten angegriffen wird“ (Kunczik/ Zipfel 2006)

Der Untergang unserer Zivilisation hat jedoch auf sich warten lassen und ich sehe auch mit Computerspielen, die es nun schon seit Jahrzehnten gibt, noch immer keine reale Chance auf die soziale Apocalypse. Wenn wir unser Beispiel von oben noch einmal bemühen, lässt sich also festhalten, dass es vor allem unerfahrene Nutzer sind, die einem Medium (ob mit oder ohne Gewalt) negative Wirkungen unterstellen. Ein Mensch, der niemals ein Horrorfilm gesehen hat, würde vermutlich genauso über Horrofilm-Fans urteilen, aber über die diskutiert keiner mehr (das Scheinargument der Interaktivität bei Computerspielen, möge man uns bitte ersparen.)

Und jetzt?

Jetzt drücken wir den Reset-Knopf. Jetzt geben wir die Fronten auf! Kein „Computerspieler sind Massenmörder“, keine polemisierenden Begriffe wie „Killerspiele“ aber auch keine Verharmlosung! Wer einen Blick auf die Veröffentlichung des Bundesamtes für politische Aufklärung wirft, wird erstaunt sein, wie ausgewogen man über dieses Thema reden kann. Um ein kleines Fazit vorweg zu nehmen: Ja, Kinder und Jugendliche sollten keine Spiele spielen, die für Erwachsene gemacht werden. Wenn da ein roter Sticker „FSK 18“ drauf pappt, dann haben die Eltern und Verkäufer dafür zu sorgen, dass die Kids das nicht in die Hände bekommen. Ausreden zählen hier nicht. Es stimmt aber auch, dass es KEINEN nachweisbaren kausalen Zusammenhang zwischen Computerspielen und solchen Gewalttaten wie in Erfurt gibt. Wer das glaubt, will die gesamtgesellschaftliche Verantwortung von sich weisen. Denn es gibt nie nur einen Grund.

Was hat es also auf sich mit Gewalt in Computerspielen? Warum ist Gewalt anscheinend so attraktiv für Menschen? Und welche Folgen kann Zocken wirklich haben? Lest mehr in der nächsten Folge dieser Serie.

Addendum

Ich habe oben im Fließtext  „Kunczik/ Zipfel“ zitiert. Dabei handelt es sich um Wissenschaftler, die sich mit dem Thema „Gewalt in den Medien“ beschäftigt haben. Auf einer kleinen Literaturseite, werde ich Literaturverweise on- und offline auflisten. (Link folgt)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s