Der Fall „Anita Sarkeesian“

Kommentar

Der Name Anita Sarkeesian dürfte vielen Gamern und Sympathisanten mittlerweile geläufig sein. Auf ihrer Website Tropes vs. Women prangert sie Rollenklischees und sexualisierte Gewalt in Videospielen an und erhielt daraufhin unter anderem Morddrohungen, die selbst in der sprichwörtlichen untersten Schublade nichts zu suchen haben. Der Vorfall ist nicht neu- trotzdem wichtig. Ein Kommentar.

Feminismus findet in Computerspielen genau so statt, wie in anderen Medienformen – Film, Buch, Musik etc. – und dem gesellschaftlichen Alltag auch. Das ist nichts neues, aber trotzdem anzuprangern. Selbst vor dem Hintergrund, dass z. B. weibliche Cosplayer mit ihren Reizen nicht zwangsläufig geizen oder auf diversen Comic Cons Kostüme weiblicher Charaktere so manchen Traum wahr werden lassen (dieses Beispiel wird hier genannt, weil es von Kommentatoren diverser Artikel als Gegenargument gebraucht wurde). Wie sonst auch, eckt ein offener Feminismus an und sorgt für entsprechende Gegenreaktionen, vollkommen unabhängig davon, ob die betroffene Feministin mit ihrer Kritik recht hat oder maßlos übertreibt. Man muss in diversen Foren oder Kommentaren unter Artikeln nicht lange warten, bis man zu lesen bekommt, dass die Person ja ob ihrer oberflächlichen Betrachtung selber schuld sei. Morddrohungen seien zwar im Grunde natürlich nicht ok, aber als Person öffentlichen Interesses muss damit leben, wie andere Personen öffentlichen Interesses halt auch.

Muss man aber nicht. Und an Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen ist man in aller Regel auch nicht selbst schuld.

Es ist das eine, wenn man feministische Kritik als völlig überzogen erachtet. Frau Sarkeesian hat möglicherweise über das Ziel hinaus geschossen, hat vielleicht sogar Szenen aus dem Kontext gerissen und diese nicht richtig analysiert oder interpretiert. In manchen Kommentaren ist die Rede davon, dass die im Video gezeigte Szene aus Hitman im Spiel selber für massive Sanktionen sorgt (wurde vom Autor nicht überprüft) und daher nicht als Beispiel für Sexismus in eben jenem Spiel taugt. Sie hätte damit also „journalistische Standards“ verletzt und hier ist eine Gegenkritik im speziellen Beispiel auch angebracht. Völlig unangebracht sind jedoch Kommentare, welche den Anschein erwecken, dass man sich nicht zu wundern brauche, wenn auf einen solchen feministischen Angriff eben Morddrohungen oder ähnliches auf einen einprasseln. Ganz nach dem Motto: Reaktion erzeugt Gegenreaktion. Egal, ob die Dame wie in diesem Fall eine Finanzierung über Kickstarter erfolgreich erreicht hat und das Ergebnis mit guter Recherche möglicherweise rein gar nichts zu tun hat. Das ist ärgerlich. Da darf, ja soll kritisiert werden. Aber Kritik und Drohung sind zwei Paar Schuhe und eines davon ist inakzeptabel.

Dass Gamer ihr Hobby bis zum Letzten zu verteidigen scheinen und jeden „Angriff von außen“ (oder alles, was als solcher wahrgenommen wird) sofort abzuwehren versuchen, ist kein Novum. Mehr noch: Je nach dem WIE das gemacht wird ist das sogar sympathisch, weil kreativ und leidenschaftlich. Doch hier wurde jeglicher Rahmen gesprengt und zwar nicht nur von ein oder zwei Spinnern. Gamer haben ohnehin von außen betrachtet nicht selten den Ruf völlig übergeschnappte, soziopathe und des eigenständigen Lebens nicht mächtige Kellerkinder zu sein und sollten in so Momenten nicht damit argumentieren, dass kleine, unbedeutende Morddrohungen oder geschmacklosee/rassistische Beiträge in Youtube Kommentaren beispielsweise Usus sind und man deswegen kein Fass zu öffnen und sich als Opfer darzustellen braucht.

Dass fragwürdigste und unterirdische Kommentare auf Youtube auf der Tagesordnung stehen ist zwar vollkommen richtig, aber das ist ein trauriger Zustand, der ebenfalls angeprangert gehört und nicht als abschwächendes Argument funktioniert. Statt also in Kommentaren und Foreneinträgen den Versuch zu wagen, diese Art des Umgangs miteinander irgendwie zu erklären oder sogar abzutun, sollte man sich klar dagegen positionieren und mal klare Kante zeigen. Das ist dann auch keine Einverständniserklärung mit den Ansichten von Frau Sarkeesian (und anderen Personen, die unter solchen Reaktionen zu leiden haben), sondern schlichtweg notwendig – auch im Sinne einer offenen und konstruktiven Diskussion über ein Thema, über dass man gerne mal ernsthaft nachdenken darf.

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